Anfang Mai brachte eine Sturmböe nahe Wiesbaden einen Baum zum Umsturz, wobei die Kinderstuben einer Kolonie Rabenkrähen zerstört wurden. Tierschützer brachten die verunglückten Jungvögel zur
Wildvogel-Pflegestation nach Kirchwald, die sich daraufhin im Ausnahmezustand befand.
Plötzlich mussten 51 junge Rabenkrähen zusätzlich zu allen anderen gefiederten Patienten versorgt werden. Die kleinen Rabauken wurden untersucht, behandelt und je nach Zustand auf Innen- oder Außenvolieren bzw. die Intensivstation verteilt. Fliegen mussten sie erst noch lernen; die meisten flatterten noch recht unbeholfen über den Boden. Aber was sie alle schon sehr gut beherrschten, war das sehr laute Kreischen! In den ersten Tagen wurde kritisch beobachtet: Wer versteht sich mit wem – wer hackt lieber auf den Nachbarn ein? Entsprechend wurden die Vögel in möglichst verträgliche Gruppen umverteilt.
Junge Rabenkrähen haben nicht nur beeindruckend große Schnäbel, sondern auch einen ebenso beeindruckenden Appetit. So waren sämtliche Vorräte an Hühnerherzen, Geflügelteilen und Mehlwürmern in Rekordzeit aufgebraucht und es musste umgehend für Nachschub gesorgt werden. Die meisten Jungvögel mussten alle zwei Stunden mit der Pinzette gefüttert werden – begleitet von einer Geräuschkulisse mit einer unvorstellbaren Dezibelzahl
Für manche schüchternen Jungvögel brachte das Unglück jedoch eine Chance mit sich: In der Natur verspeisen die Vorlauten in der ersten Reihe die besten Brocken, während die Zurückhaltenden in den hinteren Rängen oft zu kurz kommen. Auf der Vogelstation erhält dagegen jedes Rabenkind so viel, bis es satt ist.
So können auch die Kleineren und Schwächeren zu kräftigen Krähen heranwachsen. Anfang September waren schließlich alle so weit, dass sie fit für ein selbstständiges Leben in der Natur waren.